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reset – new codes

09.09.2016 - 30.10.2016

Gruppenausstellung

 

reset – new codes

 

Nikolaus Faßlrinner

Chris Löhmann

Felix Lippmann

Stefan Schwarzer

 

VERNISSAGE

08.09.2016

18:00

Einführung

Stephan Franck

 

Zusätzlich präsentieren wir eine ständige Ausstellung 

von Künstlern der Galerie in der Kunsthalle.

 

Felix Lippmann

"Hinterhof 2014“, 2014

180 x 160 cm, Öl auf Leinwand

Reset – New Codes: Jeder erlebt jetzt, aus der nahen Vergangenheit heraus, einen historischen, in der unmittelbaren Zukunft sich abzeichnenden Wandel ungeahnten Ausmaßes. Er ist zuweilen so groß, dass man ihn nicht fassen, noch erklären kann. Gemeint ist hier das Informationszeitalter, ein stetig wachsender Prozess nichtlinearer Systeme, dessen Voranschreiten sich nicht mittels einfacher Statistiken von A nach B mit Resultat C prognostizieren lässt. Der Titel der Ausstellung kann daher nur eine Metapher sein, der Mut macht und der der denken lässt, ein Zurück wäre möglich. Ein Erase and Rewind, wenn man so will.

Finanzminister Schäuble sprach nach dem G20-Gipfeltreffen in China davon, dass die Bundesbürger in widersprüchlichen Zeiten lebten. Einerseits sei es ihnen nie so gut gegangen wie derzeit: Die Beschäftigung liege auf Rekordniveau, die Preise seien stabil, die Reallöhne stiegen, die Wirtschaft wachse stetig. Andererseits sei die Liste der Sorgen lang, es stürme vieles von außen ein, Krisen, Kriege, der Horror von Aleppo. Und dann die Sorge, wie sich die Gesellschaft verändert durch die Flüchtlinge“. Schäuble geht hier ganz bewusst auch auf die Wahlen in Mecklenburg Vorpommern und der scheinbaren Ernüchterung nach dem „Wir schaffen das“ von Angela Merkel ein. Die AfD kam in diesem Bundesland auf ein unglaubliches Wahlergebnis von 20,8 Prozent. Das liegt nicht etwa allein am Zustand des Bildungssystems oder an den Hartz4 Empfängern. Es sind Kräfte, die sich über den Zustand der Flüchtlingspolitik aufhaltend nicht am Fortschritt, sondern am Stillstand beteiligen. Eine Erklärung ist möglicherweise auch, das wir ein Netz (Soziale Netzwerke) haben, das wirkt wie das Versprechen an Beteiligung. Jedoch wurden Warnungen an die Politik die eine Repolitisierung der Gesellschaft und der Teilhabe durch das Netz, in Form einer gesteigerten Selbstwahrnehmung der Gesellschaft, in den Wind geschlagen. Der Frust gegen die Politik ist gesunken, dafür der gegen Politiker gestiegen. Es ist höchste Zeit den Menschen mehr Empathie entgegen zu bringen und jede Form der Beteiligung durch einen erhöhten redaktionellen Aufwand in positiven Aktivismus zu kanalisieren.

 

Die Künstler der Ausstellung Reset – New Codes sind Künstler einer revolutionären Ära, die sich besser als ungeheuren globalen Trannsformationsprozess oder Paradigmenwechsel – der das Informationszeitalter einschließt - bezeichnen lässt. Unlängst haben Geowissenschaftler das Anthropozän, das Zeitalter ausgerufen, dass nur allein durch den Menschen Gestalt annimmt. Die hier anwesenden Positionen von Stefan Schwarzer, Chris Löhmann, Nikolaus Faßlrinner und Felx Lippmann osziliieren zwischen Ist-Zustand, Geisteshaltung, des Zufalls und einer Interpretation in der sich eben beschriebenen rasch veränderten Welt.

 

Der Dresdner Maler Felix Lippmann ist nach eigenem Bekunden kein Künstler. Ich möchte ihm nach Begutachtung seiner Kunst entgegensetzen: Er ist es. Aber das sind subjektive Nebensächlichkeiten. Was Lippmann jedoch meint, beschreibt er in einem selbst verfasstem Statement. Er malt im Affekt, der sich hier in absoluter Klarheit abzeichnet. Linien, Striche entstehen ohne „künstliche“ Vorüberlegungen und ohne Moment des Zweifelns. Es ist wie die "Ecriture Automatique", die sich im Surealismus dem planvollen Aufbau ebenso widersetzt wie einer nachträglich zensierten Korrektur. Beim Arbeiten im Affekt entstehen bei ihm meist Gedanken für das nächste Bild, das sofort angefangen wird. Das Unbewusste, Traumhafte und das Spontane kommt dann zum Ausdruck. Es ist ein einziger Flow. Der Fokus Lippmanns liegt unter anderem auf dem Abarbeiten an gesellschaftliche Problematiken, die er immer auch als Werkgruppe abschließt. Beinahe scheint es uns, als hätte die revolutionäre Attitüde der 1970er und 1980er Jahre der alten BRD ausgedient. Der Dresdner Maler lässt sie jedoch wieder aufleben und benennt mit White Anglo Saxon Protestant einen Widerstand eines erstarkenden Establishments, der sich von BREXIT über Pegida bis hinzu Entgleisungen eines Donald Trumps äußert. In diesem asymetrischen Machtgefüge der Realität formiert sich eine globale Anhängerschaft vor Game of Thrones und fröhnt einer komplexen Marketingkampagne, die sich bei Arya Stark, John Schnee und Tyron Lannister längst nicht erschöpft. Doch dieses New Scenario einer prototypischen Telenovela des postdemokratischen Zeitalters bildet vielmehr die Wirklichkeit ab, als manch einer zu denken glaubt. Urbane Landschaften mit Grafitti rahmen dann auch das Geschehen des Breaking Bad Helden Heisenberg, den der Maler als Titel aufgreift. Grafitti, so sagt Lippmann, ist der unbedingte Wille sich zu äußern. Ich sage: Er setzt den Codes dieser Welt etwas entgegen ohne Vorvergangenes auszulöschen.

 

Ich bin Realist in meinen Träumen. Dieses Zitat stammt vom Künstler Nikolaus Faßlrinner. In dieser Aussage steckt eine ganze Philosophie. Zum einen meint sie, dass die Realität, wie wir sie kennen, vereinheitlicht und geführt durch multimediales Spektakel, auch in unser Unterbewusstsein auftaucht. Im selben Augenblick indem wir versucht sind ihm zu entfliehen, ist es der Psychologie zu Eigen uns auf diesem abseitigen Weg einzufangen, zu kontrollieren. Der Künstler Faßlrinner ist versucht die Realität des Unbewussten nach außen zu kehren. Bei ihm wird die Welt des Traums unmittelbar künstlerisch erfahrbar. Er erschafft Welten in der das „Help“ nach dem versteckten „Me“ ruft und den rosafarbenen Wolken dem aberwitzigen Geschehen beiwohnen. An dieser Stelle transzendiert Nikolaus Faßlrinner die Dimensionen des Erfahrbaren und schöpft gleichsam aus seinen Erfahrungen, die er in seinem Auslandssemester in China machen durfte. Der asiatischen Kultur, insbesondere die chinesische, ist nicht ohne weiteres mit der westlichen kompatibel. Beispielsweise gabe es dort keinen kunsttheoretischen Ansatz der „proportia divina“, in der das Bild seit der Renaissance gleichmäßig aufgeteilt wurde. Faßlrinner nutzt dieses Wissen geschickt aus. Mit Tusche und Pinsel bannt er zweidimensionale Gebilde auf Papier. Fratzen aus alltäglichen Materialien werden verbindendes Element in den Betrachterraum hinein. Die ästhetische Grenze scheint zu verschwimmen und gibt den Blick auf die innere und äußere Gedankenwelt des Künstlers frei – Eine Interpretation der Wirklichkeit, eine Wirklichkeit des Traumhaften.

 

In meiner ersten Begegnung mit Chris Löhrmann war ich zunächst überrascht, auch etwas unsicher. Erst am Ende meines Rundgangs trat ich vor das Bild hinter mir. Im Kopf noch seine Radierungen in der oberen Etage dieser Galerie. Erstaunlich ist hier die Dynamik. Mensch und Tier sind hier miteinander auf Gedei und Verderb auf ein und die selbe Leinwand gebannt. Ein Ausweichen scheint nicht möglich. Gerahmt wird das Geschehen von sich in zwei gegenläufiger Richtung strebender Personen. Der rote Stoff liegt schwer in der Hand des Mannes, welcher der Frau auf der anderen Seite des Bildes den Kopf bedeckt. Inmitten des von Pfeilen durchbohrten Hirschs befindet sich ein Schrein mit hebräischer Inschrift. Obgleich der Künstler Löhrmann meint, sich nicht an Vorbildern zu orientieren, läd doch gerade dieses Bild ein, sich an die Kampfszenen des Laokoon oder an den Mythos der badenden Diana und des Jägers Aktaion zu erinnern. Beim Anblick der Nackten wird er von seinen eigenen Hunden zerissen. Mit geübten Blick geht es weiter in die obere Etage. Die Radierungen sind schön, einmalig und von unglaublicher Präzision. Uns begegnen nackte und verhüllte Frauen aber auch unglaubliche Landschaften. Vorbei an morbiden Landschaften und heruntergekommenen Häusern mit Grafitti und Losungen des Widerstands verziert, ergibt sich neben dem Zeitgeist und den verbindenden Gattungen wie der Grafik von Tattoos verzierter Frauenkörper sowie Grafitti in Löhrmanns Radierungen noch weitere interessante Entdeckungen. Diese reichen von der sich distanzierenden Bewegung gegen das Diktum der Antikenrezeption in der ausgehenden Renaissance, bis hin zur eschatologischen Exegesetradition der frühen Neuzeit, in der das Weltgericht und die apokalyptische Erwartung eine wesentliche Rolle der Menschen spielten. Wir begegnen den Bildern von Chris Löhmann jedoch weniger mit kunsthistorischer Expertise, sondern aus unserer Zeit heraus mit einer anderen Erwartungshaltung. Hier klingen Losungen und Grafitti nicht verblasst, sondern beinahe wie eine Ankündigung des Widerstands. Der Mensch ist in dieser Welt nicht verloren, er kann und muss sich mit seinen Technologien selbst eine bessere Zukunft bauen. Reset.

 

Ich möchte die Gelgenheit nutzen, um ihnen den letzten Künstler in meiner kleinen Ausführung vorzustellen. Es ist kein geringerer als Stefan Schwarzer. Anders als Löhmann, bedient sich der in Leipzig geborene Künstler eine relativ einfachen Technik. Filzstifte und ein Block Papier sind seine ständigen Begleiter. Uns begegnen in Reset – New Codes jedoch unterschiedliche Herangehensweisen. Zunächst komme ich auf seine in Jerewan (Armenien) entstandene Arbeit zu sprechen. Dort blieb durch den kurzen Aufenthalt nicht viel Zeit, um detailgetreue Landschaften zu zeichnen. Ein simpler Trick verhalf dem Künstler zu einem erstaunlichem Ergebnis, um "Outside of Jerewan" zu schaffen. Tatsächlich begegnen dem Betrachter hier infantil anmutende Zeichnungen, die über den Bildraum hinaus auch auf die Wandfläche zu sehen sind. Für die Fahrt über das Land entwickelte Schwartzer eine Zeichensprache, um die sehr karge und felsige Landschaft festhalten zu können. Es entstand eine künstlerische Bestandsaufnahme der Umwelt in Armenien. Ein Land, dass sich unter enormen wirtschaftlichen und politischen Druck befindet. Man denke nur an den wiederaufflammenden Konflikt in Bergkarabach.

Transformationsprozesse sichtbar machen, das ist Stefan Schwarzers Obszesison.  In seinem Auslandssemester in Havana begab er sich wie in Armenien so nah wie möglich an das Leben auf den Straßen. Nicht mit der Kamera, sondern mit Filzstiften. La Calza de Infanata, ist sein größtes hier zu sehendes Werk, was eher eine filigrane Skulptur aus Papier ist. Es entstand innerhalb eines halben Jahres. In diesem Zeitraum kommt man mit den Anwohnern ins Gespräch. Es entwickeln sich Freundschaften, man erzählt sich das Tagesgeschäft an der tüchtigen Ausfallstraße. Detailverliebt nimmt Schwartzer jedes Gebäude auf. Er registriert jedes Geräusch, jede Unebenheit, Stimmung, Musik und Gerüche. Es entsteht der Eindruck, man könne augenblicklich jeden Bewohner nach den Begebenheiten in diesem oder jenem Haus befragen, es käme erstaunliches zum Vorschein. Die Stadt Havana lebt von diesen Eindrücke, es hält sie neben den neuen Wirtschaftsabkommen mit der USA am Leben. Denn das was wir hier sehen, wird wohl nicht länger Bestand haben. Kasinos, Geschäfte und Glücksritter werden dieses Bild bald entstellen. Keine Fotografie kann diese Stimmung einfangen. Denn es gibt sie bereits, die smarte Allansichtigkeit unserer medialen Lebenswirklichkeit.

 

In diesem Sinne. Fortschritt und Wandel ist möglich, wenn man ihn klug begegnet. Die hier anwesenden Künstler legen keine Fallstricke. Sie sind einfach Chronisten einer sich überschlagenen Zeit. Wer nachhaltig und positiv denkt und handelt, so der Tenor, hat nichts zu befürchten. Reset – New Codes.

Text: Stephan Franck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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