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ZEITENWENDE DIGGER :)

25.11.2016 - 31.01.2017

Gruppenausstellung

 

ZEITENWENDE DIGGER :)

 

Vivien Vanessa Bebic

Simon Horn

Felix Lippmann

Chris Löhmann*

Anke Peters

Sarah Pschorn**

Stefan Schwarzer

* Preisträger Sächs. Grafikpreis 2016

** Preisträgerin Grassipreis 2016

VERNISSAGE

24.11.2016, 19:00

EINFÜHRUNG

Stephan Franck, Detlev Peters

IMPULSVORTRAG

Dr. Iris Mäge

KUNST – Auge schaut –

Gehirn konstruiert

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse

über unsere visuelle Wahrnehmung

Informationen zur Ausstellung

 

Der Titel der Ausstellung „Zeitenwende Digger“ ist ebenso doppeldeutig wie die hier zusehenden Positionen. Zum einen könnte es sich um einen Imperativ handeln, der die Zeitenwende in Manier aktueller Jugendsprache als Statement geradezu herausschreit und damit manifestiert. Hinter diesem Ausruf verbirgt sich jedoch noch eine zweite Ebene. Denn im englischen Sprachgebrauch ist ein Digger jemand, der wie ein Trüffelschwein entweder als Historiker oder als Plattensammler jede Randnotiz erschnüffelt, um verloren geglaubte Raritäten oder seltene Details ans Tageslicht zu fördern. Ganz ähnlich verhält es sich mit Künstlern. Sie sind wie Seismographen, die die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit künstlerischen Mitteln nachempfinden. Wir als Betrachter sind gefordert die Entwicklungen hinter den Arbeiten an Details oder gar Ausstellungstitel zu interpretieren oder kritisch zu hinterfragen. Künstler und Künstlerinnen eröffnen uns neue Perspektiven, schaffen durch Abstraktion oder Gegenständlichkeit neue Sichtweisen. Bisweilen fördern Künstler den Betrachter auf, sich mit dem aktuellen Zeitgeschehen auseinanderzusetzen oder vice verca. Im besten Fall ist die Interaktion ein Dialog zwischen Medium und Betrachter, der einen Impuls von Handlungsweisen oder Denkrichtungen in Gang setzt.

 

Architektur übersteht meist Zeitenwenden, Bilderstürmereien oder gar Zerstörungen. Sie sind ebenso wie Kunst Zeugnis eines Zeitgeistes und viel wichtiger noch das Resultat politischer sowie privater Entscheidungen. Dementsprechend sind sie Vermittler von einem Geschmack, der viel über die Identität einer Person, von Institutionen und sogar Nationalstaatlichkeit erzählt. Simon Horns Kunst beschäftigt sich mit dieser Vieldeutigkeit von Materialität und Bedeutung. Die Überlagerungen von Formen, Farben und Materialien finden sich auch in den Baustilen, die in unmittelbarer und überall erfahrbar werden. Schicht um Schicht erzählen sie uns etwas über die Vergangenheit. Von herrschaftlicher Representation wie von falsch verstandenem Fortschrittsglauben, einem neuem Menschenbild, Technokratie und Umbruchphasen, die oftmals ein neues Paradigma ankündigen. All diese Phasen sind für uns wie ein Buch lesbar. Simon Horn schafft mit seinen skulpturalen Arbeiten architektonische Artefakte, die uns viel über uns und unseren Platz in der Gesellschaft vermitteln.

 

Sarah Pschorns Porzellanarbeiten verfolgen einen ähnlichen Ekklektizismus. In ihren Arbeiten sind immer wieder neue Stile erkennbar, sie behagen sich anstatt dem Auge des Betrachters gewohnt fließende Übergänge zu ermöglichen. Doch darum geht es der gebürtigen Dresdnerin. Denn vieles hängt davon ab, wie man Tradition in die Gegenwart vermittelt. Gerade in Dresden, wo man zwanghaft bemüht ist das Image eines neobarocken Ensembles mittels vorgeblendeter Fassaden aufrechtzuerhalten. Porzellan erscheint der Leipziger Künstlerin da ein probates Mittel, um Techniken der Vergangenheit mit einem kritischen Blick auf den Zeitgeist zu vereinen. Jedoch geht es ihr nicht allein darum regional begrenzte Tendenzen auszuloten. Denn das Material, was sie für ihre Kunst gewählt hat ist vom representativen Ursprung ausgesehen ein Material, das nicht ohne Austausch weit entfernter Kulturen zu denken ist. Betrachtet man etwa die Chinoiserien und der Porzellansammlung genauer, so wurde der Geschmack des Barock, selbst Motive und Sujets bereits seit dem 16. und 17 Jahrhundert aus Fernost reimportiert. Diese dienten dann als Vorlage für eigene Kreationen der Meissner Werkstätten. Sarah Pschorn ist sich dessen Tradition bewusst und transformiert das aktuelle Geschehen mit einem sehr sinnlichen, femininen Gestus an das anspruchsvolle Material.

 

Fernab eines eng geschnürten Korsetts ästhetischer Konventionen und akademischer Regelwerke, findet sich der sprudelnde Quell der Ideen und Inspirationen für Anke Peters Malereien. Ihre Arbeiten sind Ausdruck einer gestisch-expressiven Herangehensweise im Umgang mit Leinwand und Farbe, die dem Betrachter ein unbekümmertes und gleichzeitig - präzises Kolorit bietet. Mit dieser Intention ausgestattet, erwachen ihre Formen aus einem Dornrössschenschlaf. In ihren aktuellen Arbeiten setzt sich Anke Peters mit der Rolle von Frauen ebenso auseinander wie mit Entscheidungsprozessen, die keinen eindeutigen Schritt zur in die richtige Richtung voraussagen. Ihr Interesse besteht darin, was innerhalb des Menschen geschieht, welche Transformationsprozesse er durchgeht. Stimmungen und Regungen werden kanalisiert und geben uns zugleich einen Einblick in die Seele der Künstlerin als auch auf ihren Blick auf eine Zeitenwende, die sich auch in den Köpfen der Menschen abbildet.

 

Wie wie sich digitale Bilder mit einer Flut an Ereignissen über uns ergießen, erzählen Vivien Vanessa Bebics Werke. In der heutigen Zeit sind die Transmitter neuer Technologien die neuen Schreine geworden, die aber keine neue Wahrheiten mehr verkünden, sondern die Realität durch Halbwahrheiten, Vermutungen und Anschuldigungen ersetzen. Willkommen im Zeitalter des Populismus und postfaktischer Realtitäten, in denen mehr der Effekt einer Aussage auf das eigene Klientel zählt, als überprüfbare Fakten. Die Hamburger Künsterin stellt die innere Zerissenheit der Gesellschaft mit ihren Altarbildern kompromisslos auf den Prüfstand.

 

Chris Löhrmanns Radierungen bleiben ein Faszinosum. Bereits bei meiner letzten Rede zu Resets New Codes sind die Ähnlichkeiten zwischen der distanzierenden Bewegung gegen das Diktum der Antikenrezeption in der ausgehenden Renaissance bis hin zur eschatologischen Exegese Tradition der frühen Neuzeit aufgefallen. Kommt man jedoch unmittelbar mit seiner Arbeitsweise in Berührung so wird augenfällig, wie unglaublich präzise und altmeisterlich er seine Radierungen vorbereitet. Kein Fehler darf in den sehr Detailreichen Arbeiten unterlaufen. Jeder Nadelstrich des Griffels muss sitzen, um die hohe Qualität sowohl der Form als auch das Einschreibungsverfahren auf die Kupferplatte - auf großer aber auch kleiner Fläche - zu gewährleisten. Dies merkt man seinen Bildern an. Denn sie strahlen trotz eindeutiger Motive, die von Sex und Revolution bei gleichzeitigem Stillstand erzählen, Ruhe und Gelassenheit aus.

 

Im Gegensatz dazu verschreibt sich der Dresdner Maler Felix Lippmann unterschiedlicher Stile. Zum Teil entstehen  Linien, Striche ohne „künstliche“ Vorüberlegungen und ohne Moment des Zweifelns. Das Unbewusste, Traumhafte und das Spontane kommt dann zum Ausdruck. Es ist ein einziger Flow. Der Fokus Lippmanns liegt unter anderem auf dem Abarbeiten an gesellschaftliche Problematiken, die er immer auch als Werkgruppe abschließt. Beim Vergleich aller seiner hier zu sehenden Werke ist jedoch auch ein prozesshaftes Abarbeiten an Techniken abzulesen. Als Betrachter ist man geradezu erfreut über die Nachvollziehbarkeit seiner Arbeitsweise. Ein seltener Moment. Normalerweise wird es nur dem Kenner zugestanden so etwas herauszulesen.

 

Zeitenwenden erfordern des öfteren auch Kontinuität. So können sich die Besucher wie in der letzten Ausstellung Reset New Codes über Stefan Schwarzers Straßenzug der Calzada de Infanta erfreuen, in der er das aktuelle Zeitgeschehen mit Buntstiften einfriert und dadurch Transformationsprozesse sichtbar macht. Die Arbeit entstand innerhalb eines halben Jahres. In diesem Zeitraum kommt man mit den Anwohnern ins Gespräch. Es entwickeln sich Freundschaften, man erzählt sich das Tagesgeschäft an der tüchtigen Ausfallstraße. Detailverliebt nimmt Schwartzer jedes Gebäude auf. Er registriert jedes Geräusch, jede Unebenheit, Stimmung, Musik und Gerüsche. Kurzum, seine Herangehensweise ähnelt eines authentischen Stadtschreibers. Denn was wir zu sehen bekommen, ist nicht einfach nur eine Bestandsaufnahme, sondern ein lebendiger Ort. Keine Fotografie kann diese Stimmung einfangen. Denn es gibt sie bereits, die smarte Allansichtigkeit unserer medialen Lebenswirklichkeit.

Text: Stephan Franck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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