Heidrun Pfalzgraf

Malerei - Zeichnung - Objekt

 

 

Botschaften aus dem Schwarm

 

 

Es entsteht wie von selbst. Die Leere Fläche beginnt zu vibrieren, Linien formen sich, wachsen ineinander, überlagern sich, werden verdeckt, brechen erneut hervor, werden mit wachsenden weiteren Liniengeflechten durchzogen – und mehr und mehr zeigt sich das Gebilde aus Leben, Freude, Tiefe, Ahnung. Chiffren bilden Haltepunkte: Spitze Ovale, leicht geneigt. Sie mutieren zu Augen fremder Wesenheiten, die Dir etwas mitzuteilen wünschen, in einer Diktion, die sich nur im darauf Einlassen erschließt, in Hingabe an das Vertrauen gehalten zu sein – auch in diesem Fremden und doch vorbewusst Erkannten.

 

Manche Ovale öffnen sich weiter, reißen Öffnungen in die umgebenden Linienwolken: Wie eine Lupe legen sie den pointierten Blick frei in noch tiefere Welten. Diese manchmal zeichnerisch angedeutet als kleine Figuri nen in Interaktion – aufrufend, hinzuschauen und die Essenz ihres magischen Tuns in sich aufzunehmen, ohne wenn und aber zu verstehen: „Ja, so ist es“. Einige solcher in die Lupe eingebundener Zeichnungsgebilde zeigen sich wie Schriftzeichen in einer Verbindung von Keilschrift und Runen. Auch sie scheinen Botschaften übermitteln zu wollen, fast verwundert über die Enge in der Wahrnehmung des Betrachtenden.

 

Manchmal entwickeln sich in den Lupen-Fenstern eingebettete weitere Blickkanäle, vielleicht oval, teils in Richtung Trapez aufgedehnt, darin weitere Schätze: gezeichnet oder als Edelsteine aus großzügigen Farbkneuel-Miniaturen. Noch eine Zwischenwelt tiefer. Wiederum berührend, mit einem nie gehörten Klang. Andere Ovale zeigen sich eher sinnlich weich geöffnet. Metamorphosen des weiblichen Geschlechts: empfangend

oder auch Leben schenkend, Bild immer wieder erschaffenden Seins. Immer da.

Manche der leuchtenden Linien lassen Wasserwesen entstehen. In Ambiguität changierend zwischen länglich ovalen Körpern mit Kopfaugen darüber und gleichzeitig als Gruppe von Tentakeln, welche sich an die übergeordnete Wesensform organisch anbetten, die – in Teilen im oval verharrend – sich in Polygonen erweitert, jederzeit bereit, im Fluß zu neuer Gestalt zu werden. Auf dass sie endlich erkannt werden möge.

 

Solche Prozesse formen sich in einigen Bildern zu Organoiden, die als formwandlerisches Raumschiff gesehen werden wollen. In Kammern gegliedert, reich gefüllt mit freudig üppigen Energiechiffren. Angedockt daran Tentakeln wie Strahlen für Vortrieb. Derartige Transponder tauchen immer wieder auf, in unterschiedlicher Konkretisierung: Manchmal nur in wenigen hingeworfenen Strichen angedeutet, fast schon der Wahrnehmung

entflohen, manchmal in nachdrücklicher Präsenz.

 

Wie in einer Symbiose aus Vexierbild und Kaleidoskop verbinden sich die vielen vibrierenden Gebilde zu Schwarmwesen, sich immer wieder zu neuen Ganzheiten verdichtend, welche sich beim Betrachten für Momente zu erkennen geben, um im nächsten Augenblick einer anderen Gestaltbildung in der Wahrnehmung zu weichen. Derart zeigen sich Kopfkörperandeutungen, die Tier-, Mensch-, Dämon- und Feengestalt ineinander vereinen. Immer wieder durchzogen von vielformigen Augen und Gebilden, die aus der scheinbar greifbaren Anmutung hinaus in eine wieder andere Zwischenwelt führen.

 

Für mich faszinierend, wie solche Komplexität zu einer wunderbaren Ordnung sich fügt, Tiefe und Spiritualität, Erkennen und Leben vereinend. Sie schenkt den Impuls, mit der in dieser Kunst erlebbaren reichen Seinsliebe in Resonanz zu gehen, sie auch in sich selbst zu erlauben.

 

© Text Klaus Damm 2016

VITA
 
Heidrun Pfalzgraf


2012/13

Studienseminare an der Europäischen Kunstakademie, Trier, bei Rolf Viva
  
2012/13
Sommerakademie KSI, Bad Honnef, bei Friedrich Dickgiesser

2009 - 2011

Studienseminare an der Europäischen Kunstakademie, Trier, bei Franziskus Wendels

seit 2006

Studium bei Prof. Rolf Thiele, Bundesakademie Wolfenbüttel

2004 - 2011

Studium an der HBK  Braunschweig, bei Jobst Meyer

und Lars Eckert

2003

Studienseminare an der Kunstakademie bei Prof. Wolf Wrisch, Rhodt unter Rietburg

Studium an der Universität Hannover,Fachbereich Bildende Kunst bei Reinhold Tautorat

1987

Aufnahme ins Forum der Jungdesigner, München

Auftragsarbeiten für die Bavaria Filmstudios, München

1984

Dozentin für kreatives Gestalten, VHS München

1954

geboren in Karlsruhe 

Helfenberger Grund 8 a · 01326 Dresden

© 2017 BUEFFELFISH contemporary fine arts gallery